Montag, 25. Juni 2012

Gustav Pfizer, ein schwäbischer Dichter und

Abgeordneter Württembergs.


Worte der Erinnerung an den 25. Juni 1530

Was dauernd steht im Bache der Geschichte,
Ein leuch[t]end Zeichen in dem Strom der Zeit;
Was, ein gereifter Baum, die edlen Früchte
Den Wanderern zur süssen Labe beut:
Bedarf es noch, dass es zur Dichtung flüchte?
Schon ist es zur Unsterblichkeit geweiht;
Es glühet schon im eig'nen reichen Leben
Und ist schon dort, wohin die Lieder streben.

Entschuldigt es, wenn wir es dennoch wagen,
Das Fest zu feiern mit des Liedes Ton!
Es drängt uns, einen Kranz herbeizutragen,
Zum Opfer willig, aber arm zum Lohn;
Und möge keine Stimme uns verklagen,
Als sprächen wir dem edlen Ernste Hohn,
Wenn wir das Denkmal, das aus Erz gegossen,
Mit Lorbeern schmücken, die dem Lenz entsprossen.

Die Zeit, auf welche uns're Feier deutet —
Ihr war der freud'ge Klang der Dichtung fern.
Durch schwere Nacht, am Himmel ausgebreitet,
Drang kämpfend, mühevoll, ein neuer Stern;
An heissen Tagen ward der Kranz erbeutet,
In harter Schaale lag des Heiles Kern,
Vom Staube war der Schönheit Bild umzogen,
Der von der Wahrheit Rennbahn aufgeflogen.

Wir aber schöpfen aus dem Quell, dem frischen,
Den neu geöffnet uns'rer Väter That;
Mit der Erinn'rung darf sich Jubel mischen:
Wo sie gepflanzt, da keimt für uns die Saat;
Wir wollen nicht der Züge Ernst verwischen —
Schön ist der Held, wie in den Kampf er trat;
Wir dürfen aus erkämpften Friedensauen
In jenes Streitgewuhl hinüberschauen.

Ich sehe mich im weitgedehnten Saale,
Der dumpf von tausend Männerstimmen tönt,
Ein mächtig Drängen ist um die Portale,
Der Boden zittert und das Haus erdröhnt,
Von Golde schimmert's und von blankem Stahle,
Das Auge staubt; des Glanzes ungewöhnt;
Und endlich strömen alle diese Flammen
Am prachtgeschmückten Kaiserthron zusammen.

Hie pranget Er, des Rechtes höchster Spender,
Dem selbst der Fürsten Huldigung gebührt,
Dann die den Scepter schwingen über Länder,
Und deren Hand den mildern Krumstab führt,
Die sammtenen, die purpurnen Gewänder,
Der Ritter, den der schwere Harnisch wert;
Die wehrhaft kämpfen auf dem Feld der Thaten,
Und die zu Haus der Völker Heil berathen.

Ein Saal hat all die glänzenden umschlossen -
Und doch unheilbar schön sind sie getrennt;
Ein jeder sucht die helfenden Genossen,
Und drückt die Hand, die er als Freund erkennt;
Des Hasses wilder Geist ist ausgegossen,
Und bitt'rer Groll tief in den Herzen brennt;
Was hilft's, in mild'rem Wort den Zorn verhehlen,
Wenn schon gerüstet steh'n die heissen Seelen?

Willst du der Wehmuth tiefste Quelle wissen?
Schau an das Leben, wo's am neusten glüht!
So früh ist alle Herrlichkeit zerrissen,
In kurzen Jahren ein Geschlecht verblüht!
Das Licht zerrinnt in öden Finsternissen,
Das lodernd seine Funken ausgesprüht;

Sieh Kaiser Karl, dess Glanz das Auge blendet,
Und der als Mönch im trüben Kloster endet!
Und willst du wissen, wo der Trost entspringt,
Der klagelos dies Weh. ertragen lehrt?
Der mächtig die Vergänglichkeit bezwinget;
Mit seinem Lieht die finst're Nacht verzehrt?
Der Talisman, der eine Welt verjünget,
Durch die der Todesengel zürnend fährt?
Der lehrt, im ew'gen Flusse der Gestalten
Ein schönes Leben kräftig fest zu halten?

Es ist der Glaube. der mit sich sich'rem Blicke
Im ird'schen Bild das Göttliche ergreift;
Der, unberührt vom wechselnden Geschicke,
In Stürmen schneller zur Vollendung reift;
Der, fliehend vor der Täuschuug kurzem Glücke.
Die Hülle von dem reinen Wesen streift,
Der ohne Zagen eine Welt vernichtet,
Und aus den Trümmern in den Himmel flüchtet.

Lern' es versteh'n, wenn er die Kreaturen
In ihres Stolzes Uebermaass verdammt —
Den schnöden Wahn gefallener Naturen,.
Die immer noch die ird'sche Glut entflammt;
Und neu entzündet jene armen Spuren
Des Funkens, der vom ew'gen Lichte stammt;
Den Darbenden des fremden Schmucks entkleidet,
Und Sehnsucht weckend, Erd' und Himmel scheidet.

Der Glaube hat auch diese hergerufen,
Denn jüngst getheilt erschien die alte Bahn;
Die Menge strömt noch zu St. Peters Stufen;
Doch jenes Riesenwerk, das himmelan
Im Lauf der Zeiten kühne Geister schufen —
Die neue Lehre nennt es einen Wahn;
Ein neues Licht verheisst sie anzuzünden
Und neu das Reich der Wahrheit zu, begründen.

Die Dome sah man pranggnd sich erhehen,
Und prächtig schallte drin der Festeschor;
Es schien, als ob in lichter Farben Weben
Die Kunst die Spur des Irdischen verlor;
Zum Himmel liess man tausend Heil'ge schweben,
Im Weibrauchdampfe flog der Sinn empor;
Hell loderten auf dem Altar die Kerzen,
Der Andacht Glut zu wecken in den Herzen.

Es sagte von der Völker nied'rer Menge,
Ein höheres Wesen, sich der Priester los,
Wenn er im Schauer weckenden Gepränge
Im Bilde neu das heil'ge Blut vergoss;
Wenn er mit übermenschlich herber Strenge
Vor Bittenden die Gnadenpforte schlafe;
Wenn er voll Huld erschien, mit milden Händen
Den reichen Schatz des Segens auszuspenden.

Der alte Schmerz — wie schnell ist er verschwunden,
Des stillen Vorwurfs rächerische Macht!
Auf Erden wird gelöset und gebunden,
Ein irdisch Feuer heilt der Seele Nacht.
Des Räthsels heitre Lösung war gefunden:
Entsündigt ist, wer Opfer dargebracht; —
Wer wird beim off'nen Markte der Gewissen
Noch des Gemüths Jungfräulichkeit vermissen?

Er wohnte still in einer armen Zelle,
Dess starke Hand erschütterte den Wahn :
Durch Zweifel und durch Schmerz zur Tageshelle
Drang er hindurch auf dornenvoller Bahn.
Er bat getrunken an der reinsten Quelle,
Die heilend durch die kranken Glieder rann:
Zu tief hat er in's eigne Herz geschauet,
Als dass er noch so leichtem Kaufe trauet.

Er sah, dass sich umsonst nach Freiheit mühet,
Wer noch empfängt des niedern Dienstes Sold;
Dass nur das Herz, wo Reue Funken sprühet,
Zur Fluth sich sehnt, die kühl, krystallen rollt,
Bis es den Brand der Schmerzen abgeglühet;
Und dass nur neu das ew'ge Himmelsgold
Im Aetherblau als Gnadensonne schimmert,
Wenn es als Blitz die Wolkennacht zertrümmert.

Nicht war's ein keck versuchendes Beginnen,
Dass er den mühevollen Streit erkor;
Nicht galt es zeitlich Gut hier zu gewinnen,
Nicht Fleisch und Blut hielt ihm die Krone vor;
Oft schien es ihm in trübem, bangem Sinnen,
Als ob zum Kampf die Hölle sich verschwor,
Die finsteren Gewalten mit ihm grollten,
Und Felsen tückisch auf ihn niederrollten.

Und doch! Wie sich [?] Knechtschaft Jahren
Der Geist den Fesseln endlich entrang!
Wohl wusst' er mit dem Schilde sich zu wehren,
Daran, der Blitz vom Vatikan zersprang;
Geweckt zum Kampfe rüsten sieh die Schaaren
Von neuem und nach anvertrauten Klang;
Zur kecken That erheben sie die Fackel,
Und in der eignen Brust lebt das Orakel.

Und Dir sey nicht der Ehre Theil entzogen,
Der bei der stilleren Betrachtung Licht
Das reine Silber kundig ausgewogen,
Und freundlich mahntest an der Liebe Pflicht!
Der Fels ist jener, der die Wucht der Wogen
Mit ungeschliffen-scharfer Kante bricht;
Die Perlen, die der starke Mutb errungen,
Hast, edler Künstler! da zum Kranz, geschlungen.

Du hast mit scharfem Geist die Schrift vollendet,
Laut zu behaupten das gefundene Gut;
Ob auch der Kaiser zürnend ab sich wendet,
Es bleibet frisch und ungeschwächt der Muth;
Es ist der Fürsten Wort dafür verpfändet,
Sie lösen es mit ihrem eignen Blut,:
Denn wer sich weiht der, Wahrheit und dem Rechte,
Verpflichtet sich dein spätesten Geschlechte.

Uns ward gereift die schöne Frucht geboten,
Für die einst Schweiss und Blut der Väter floss;
Die Schrecken sind nicht mehr, die ihnen drohten,
Kein Wetter glüht mehr in des Himmels Schooss.
Geniesst es froh! denn neidlos sind die Todten
Und schatten gern der Enkel heitres Loos.
Des Kampfe Geschick — sey's heller oder trüber —
Man nimmt es eicht in jene, Welt hinüber.

Der Todten Liebe soll uns nie erkalten!
Ihr Bild lebt in uns mit der Gabe fort.
Doch klammert euch nicht ängstlich an Gestalten!
Vergöttert nicht das wesenlose Wort!
Im Wechsel muss das Leben sieh entfalten,
Der Kern erschwillt, indes die Blüthe dorrt;
Als Lästerung möcht' ich den Wunsch verklagen:
Dass ein Jahrhundert keine Frucht soll tragen!

Alltäglich prüft der Aar die Kraft der Schwingen,
Die immer näher ihn der Sonne trägt;
Er mühet sich, das Ziel noch zu erringen,
Das sehnend er im trunknen Herzen hegt;
Und soll der Geist den ew'gen Trieb bezwingen,
Der rastlos ihn zu neuen Thaten regt?
Soll er auf des Besitztums alten Truhen
In Waffen, doch in feiger Musse ruhen?

Wer glaubt der Freiheit Kämpfer so zu ehren,
Dass er in Fesseln legt des Strehens Muth?
Des Knechtes Sinn, sein Pfund nicht zu vermehren,
Hiess ihn der Herr in seiner Weisheit gut?
Wer will vom alten Erbe kärglich nähren,
Der ew'gen Lampe gleich, die trübe Glut?
Strömt nicht die Wahrheit ewig aus dem Bronnen?
Ergiesst auf einmal sieh das Licht der Sonnen?

Dass immer mehr er sich zum Lehen wecket:
Das ist des Geistes glückliche Natur!
Wer hat sein Ziel ihm meisternd vorgestecket?
Sey stark das Schiff, treu der Magnet uns nur!
Noch ist die lezte Insel nicht entdecket,
Dort blüht mit neuem Grün und Licht die Flur!
Den Kranz. der Mühe gottverlieh'nen Segen,
Lasst am Altar des Danks uns niederlegen!

Wohl tadelt Mancher, der dem neuen Zuge,
In dem die Geister glühten, widerstand:
Dass allzukeck fessellosem Fluge
Zerrissen sey ein heilig-altes Band.
Sie zeigen, wie am trüben Aschenkruge
Am Grab' der Eintracht weint das Vaterland,
Die Kirche, in gekränkter Liebe Harme,
Noch zu den Kindern neigt die Mutterarme.

Feig wär's, die bitt're Wahrheit sich verhehlen,
Und risse sie auch alte Wunden auf!
Doch, das was lockt und was beglückt die Seelen,
Steht nur um Müh'n, um Schmerzen nur zum Kauf,
Kein Kleinod kannst du mehr dem Himmel stehlen,
Gelohnt wird nur der heisse Kampf und Lauf!
Nur Liebe wird des Streites Zauber lösen
Und Bruderzüge unter'm Helm entblössen.

Voraus der Zeit, der träg bewegten, schreitet
Der Seher, dem der Gott den Busen schwellt;
Der Sonne Glut, eh' sie der Nacht entgleitet,
Wirft schon sein Silberspiegel in die Welt;
Und wie der trübe Horizont sich weitet,
Wird auch der Seele Dämm'rung aufgehellt;
Er schauet schon die kommenden Gebilde
Und führt im Winter schon die Ros' im Schilde.

Ein jeder Tag geht auf mit eignem Lichte,
Von seiner Zeit wird jeder Held gekrönt:
Einst aber kehrt zur Fabel Wie Geschichte,
Wenn ganz sie mit der Wahrheit sich versöhnt.
Die Friedensglocken hallen im Gedichte,
Wenn unten noch die Welt vom Kampfe tönt;
Wir schauen noch nach Gestern und nach Morgen -
Doch die Vollendung ruht in Gott verborgen.

Gustav Pfizer

Portrait Gustav Pfizer

Gustav Pfizer 
* 29. Juli 1807 in Stuttgart,
† 19. Juli 1890 in Stuttgart, war ein deutscher Autor und Übersetzer und seit 1838 Redakteur des Morgenblatts. Er ist der Schwäbischen Dichterschule zuzurechnen.

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