Montag, 6. Februar 2012

Magnus Gottfried Lichtwer

 Der Bäcker und die Maus 

Der Bäcker und die Maus
Ein Mäuschen, dass an einer Semmel
In eines Bäckers Laden fraß,
Versah’s und nahte sich dem Schemel,
Darauf der Meister lauschend saß.
Und sieh! da hatt’ er sie beim Felle,
»So, so! Herr Mausekopf«, rief er,
»Bist du mein Dieb? Steht auf Geselle,
Und holet unsern Kater her.«

»Ich?« sprach die Maus, » ein Dieb? das wäre
Ein Schimpf für mich und mein Geschlecht!
Gottlob, ich halte noch auf Ehre,
Beleidigt nicht das Völkerrecht.

Ich bin ein Fremder, lieber Bäcker.«
»Was Völkerrecht?« warf dieser ein,
»Du hast den Tod verdient, du Lecker,
Du magst Frank’ oder Schwabe sein.«

»Wie?« sprach die Maus, »wenn ich Euch sage« –
»Und was?« – »was hier geschehen ist.
Der Knecht hat« – »Rede!« – dieser Tage
Dein Weib« – »Was hat er sie?« – »geküsst.«

Der Bäcker geht dem Knecht zu Leibe,
Er schäumt, er flucht, der Knecht erschrickt,
Die Maus entwischt, Gott helf dem Weibe.
Wer leichtlich zürnt, wird leicht berückt.

Magnus Gottfried Lichtwer

Der Bäcker

Job Adriaensz. Berckheyde :
Der Bäcker, 1681 (Museum der Brotkultur, Ulm)



Der Mohr und der Weisse

Ein Mohr und Weißer zankten sich,
Der Weiße sprach zu dem Bengalen,
Wär ich wie du, ich ließe mich
Zeit meines Lebens niemals malen.

Besieh dein Pech-Gesichte nur,
Und sage mir, du schwarzes Wesen,
Ob dich die spielende Natur
Nicht uns zum Scheusal auserlesen.

Gut, sprach der Mohr, hat denn ihr Fleiß
Sich deiner besser angenommen?
Unausgebratner Naseweis,
Du bist noch ziemlich unvollkommen.

Die Welt, in der wir Menschen sind,
Gleicht einem ungeheuren Baume,
Darauf bist du, mein liebes Kind,
Die noch nicht reif gewordne Pflaume.

Sie zankten sich noch lange Zeit,
Und weil sich keiner geben wollte,
Beschlossen sie, daß ihren Streit
Ein kluger Richter schlichten sollte.

Als nun der Weiße recht behielt,
Da sprach das schwarze Kind der Mohren:
Du siegst, ich habe hier verspielt,
In Tunis hättest du verloren.


Magnus Gottfried Lichtwer


Magnus Gottfried Lichtwer der Jüngere 
* 30. Januar 1719 in Wurzen, † 7. Juli 1783 in Halberstadt, war ein deutscher Jurist und Fabeldichter
in der Zeit der Aufklärung.


Job Adriaenszoon Berckheyde
* vor 27. Januar 1630 in Haarlem,  † vor 23. November 1693  in Haarlem, 
war ein niederländischer Maler.

Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle