Freitag, 22. Juli 2011

Detlev von Liliencron

Der Abend sinkt

Ich sehne mich, am Schluß der Dissonanzen,
Die auch den sommerhellsten Tag verschneien,
Nach frohen Stunden endlich, bürdefreien,
Um hinter guten Wein mich zu verschanzen.

Nach Witz und freiem Wort, statt Schild und Lanzen,
Nach warmen Schüsseln, Firlefanzereien,
Nach schönen Frauen, Liedern und Schalmeien,
Nach Tänzerinnen, die Fandango tanzen.

Auf Polstern liegend mit dem Nargileh,
Vertreib ich, wie die Hummeln aus dem Klee,
Mit blauem Rauch die letzten Sorgensummer.

Im Garten draußen heult, ganz ohne Kummer,
Der Sturm und stemmt den ungeschlachten Nacken
An meine Klause, daß die Pfosten knacken.

Detlef von Liliencron
Detlev von Liliencron, 1905.

Detlev von Liliencron
Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron
* 3. Juni 1844 in Kiel,
† 22. Juli 1909 in Alt-Rahlstedt,
ab 1937 ein Teil von Hamburg,war ein deutscher Lyriker, Prosa- und Bühnenautor.

Blümekens

Kleine Blüten, anspruchslose Blumen,
Waldrandschmuck und Wiesendurcheinander,
Rote, weiße, gelbe, blaue Blumen
Nahm ich im Vorbeigehn mit nach Hause.
Kamen alte, liebe Zeiten wieder:
Auf den Feldern wehten grüne Hälmchen,
Süß im Erlenbusche sang der Stieglitz,
Eine ganze Welt von Unschuld sang er
Mir und dir.

Nun, seit Jahren, ordnen deine Hände
Perlenschnur und Rosen in den Haaren.
Wie viel schöner, junge Frau doch schmückten
Kleine Blumen dich, die einst wir pflückten,
Ich und du.

Detlef von Liliencron

Der Abend sinkt

Ich sehne mich, am Schluß der Dissonanzen,
Die auch den sommerhellsten Tag verschneien,
Nach frohen Stunden endlich, bürdefreien,
Um hinter guten Wein mich zu verschanzen.

Nach Witz und freiem Wort, statt Schild und Lanzen,
Nach warmen Schüsseln, Firlefanzereien,
Nach schönen Frauen, Liedern und Schalmeien,
Nach Tänzerinnen, die Fandango tanzen.

Auf Polstern liegend mit dem Nargileh,
Vertreib ich, wie die Hummeln aus dem Klee,
Mit blauem Rauch die letzten Sorgensummer.

Im Garten draußen heult, ganz ohne Kummer,
Der Sturm und stemmt den ungeschlachten Nacken
An meine Klause, daß die Pfosten knacken.

Detlef von Liliencron

Gustav Klimt - Junge Birken 1900.

Die Birke

An meinen Schreibtisch lehn' ich. Meine Hand
Durchgleitet leicht ein rotes Nackenband,
Erinnrung einer Zeit, die längst verfloß,
Da heiß ein Mädchen mir den Hals umschloß.
Die junge Gräfin, heimgekehrt, mir graut,
Soll heut ich wiedersehn, des andern Braut.

Die Haide, wo so reiches Leben sprießt,
Die unabsehbar auseinanderfließt,
Trennt mich von ihr; die muß ich erst durchgehn,
Eh' kann ich nicht des Schlosses Türme sehn.

Schon bin ich auf dem Weg. Nur eine Birke,
Als einziger Baum im ganzen Grenzbezirke,
Steht auf der Haide, trostlos und verloren,
Als hätte diesen Platz für sich erkoren
Ein Träumender, als fänd' er hier den Frieden
In tiefem Denken, allem abgeschieden.

Der Herbstwind nahm ihr alle Blätter fort,
Nur eines blieb, es weht, verwelkt, verdorrt
Am höchsten Zweige, wie vom hohen Mast,
Von Sonnengold durchtränkt, in Überhast.
So wimpelt wohl vom Schiff das Fähnchen her,
Kehrt's heimatshafenfroh aus weitem Meer.

Ich bin zur Stelle und geziemendlich
Verbeug' ich vor der schönen Gräfin mich.
Ein wenig länger halt' ich ihre Hand
Beim Kusse, wie ein altes Liebespfand.
Ihr Auge bittet mich, ihr Auge fleht,
Und überwunden, ist das Glück verweht.
Wir lachen, scherzen, sprechen dies und das,
Das Menschenleben ist ein Faschingsspaß.

Und wieder bin ich auf dem Weg nach Haus,
Ein milder, sanfter Regen weint sich aus,
Wie Frühlingsregen. Langsam schreit' ich hin,
Mir ist der Gang so schwer, so trüb' der Sinn.
Es überholte mich ein Krähenschwarm -
Um ihre Schulter legt' ich meinen Arm,
So war es mir; wir zogen ohne Wort
Gesenkten Hauptes in die Ferne fort.
Ein Kind ging mit uns wie von ungefähr,
Ein kleiner Knabe, und ich weiß es, wer.
Er gab die Händchen uns, sein Antlitz trägt
Der holden Mutter Züge eingeprägt.
Du Knabe, nie geboren - und allein
Nur wandert mit mir meine Seelenpein.

Bald bin ich bei der Birke angelangt,
Dem Blättchen oben hat nach mir gebangt.
Es hängt so still in nebelfeuchter Ruh,
Es kann nicht lustig flattern immerzu.
Der Abend dämmert, weither scheint ein Licht,
Das einsam aus der Haidekathe bricht.

Detlef von Liliencron
Schönes Wochenende und ein
Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle