Mittwoch, 30. März 2011

Frühlingsbotschaft


Frühlingsbotschaft

Zum Gerichte rief der Frühling.
Denn mit Strenge zu verfahren
Gegen ketzerisch verstockte
Übelsinnige Verzweiflung,
Haben seine Heiligkeit
Bei der Sonne Glanz geschworen.

Und in grünem Feuer flammen
Alle Bäume nun auf Erden,
Jeder Baum ist eine Flamme!
Und geschürt sind alle Gluten,
Angefacht glühn alle Rosen,
Während die schismatisch grauen
Aufgelösten Nebelflocken
Klagend durch die Lüfte flattern,
Gleich verbrannter Ketzer Asche;
Doch der heilig ernste Himmel
Lässt sie ohne Spur verschwinden,
Und er schaut ins grüne Feuer
Mit erbarmungsloser Bläue.

Habt ihr jetzo unter euch
Einen schlimmen und verschraubten
Heuchlerischen und verstockten
Und verbohrten Hypochonder,
Der da zwischen Gut und Böse
Eigensinnig schwankt und zweifelt,
Weder warm noch kalt kann werden,
Oder zu gerechtem Argwohn
Grund gibt, dass sein schwarzes Innres
Wohl ein ungeheures hohles
Aufgeblasnes Schisma berge:
Diesen legt nun auf die Folter,
Diesen lasset nun bekennen!
Bindet ihn mit jungem Efeu,
Werft ihn nieder auf die Rosen,
Giesst ihm Wein auf seine Zunge,
Tropfen flüssig heissen Goldes,
Das den Mann zum Beichten zwingt,
Glas auf Glas, bis er bekennt!

Zeiget sich ein Hoffnungsfunke,
Nur ein Fünklein heitern Glaubens,
Nur ein Strahl des guten Geistes,
O so stellt ihn auf zur Linken,
Zur Belehrung und zur Bessrung!
O so stellt ihn, wo das Herz schlägt,
Auf der Menschheit frohe Linke,
Auf des Frühlings grosse Seite!
Sollt’ es sich jedoch ereignen,
Dass das peinliche Verfahren
Nichts enthüllte, nichts ergäbe,
Was da nur der Rede wert,
Das Delirium des Rausches
Selbst nur eine dunkle Leere
Vor den Richtern offenbarte:
Schleunig lasst den Sünder laufen,
Jagt ihn stracks zur schnöden Rechten,
Wo Geheul und Zähneklappern,
Dummheit und Verdammnis wohnen!

Gottfried Keller
 Gottfried Keller
* 19. Juli 1819 in Zürich;
† 15. Juli 1890 Zürich, war ein Schweizer Dichter und Politiker.
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Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle