Samstag, 4. Dezember 2010

Zum 135. Geburtstag von Rilke: Das Karussell

Gemälde "Carousel at Night at the Fair" von Ferdinand du Puigaudeau (1864-1930) 

Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel. . .


Rainer Maria Rilke, Juni 1906, Paris 
 
der "Elefant"
 
Rainer Maria Rilke
* 4. Dezember 1875 in Prag;
† 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz,
eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke,
war einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache.

Daneben verfasste er Erzählungen,
einen Roman und Aufsätze zu Kunst und Kultur
sowie zahlreiche Übersetzungen von Literatur
und Lyrik unter anderem aus der französischen Sprache.
Signatur Rilkes in einem Widmungsgedicht.

Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle