Freitag, 31. Dezember 2010

Maria Luise Weissmann - Jahres - Ende ..

Maria Luise Weissmann - Foto: Hanns Holdt, München 1928

Jahres-Ende

Du greises Jahr: du eilst, dem Ziele zu,
rascher und rascher, sehnst dich nach der Ruh
in einem tiefen grenzenlosen Tod.

Doch sieh: ich eile schneller, nach dem Rot
des neuen Morgens gierig, dir voraus.

O komm! Hinübergeh! Lösch aus, lösch aus!
Gezeichnetes, Beladenes, befleckt
mit großer Müdigkeit, mit Schmerz bedeckt –
vergeh – ich werde! Stirb – und ich vermag
aufzuerstehn: o neuer, reinster Tag!

Maria Luise Weissmann


Maria Luise Weissmann - Fotografie von Mary Hausner in München, 1926
 

Maria Luise Weissmann
Geboren am 20. 8. 1899 in Schweinfurt,
gestorben am 7. 11. 1929 in München.

Tochter der Klara geb. Ernst und des Gymnasialprofessors Dr. Karl Weissmann. Während des ersten Weltkrieges lebte sie in Nürnberg. Ihre ersten literarischen Veröffentlichungen erschienen 1918 im »Fränkischen Kurier« (auch unter dem Pseudonym M. Wels). Sie war Sekretärin des Nürnberger »Literarischen Bundes«. Seit 1919/20 Mitarbeiterin des Verlages Oskar Schloss in München. Im Juni 1922 heiratete sie den Münchner Verleger Heinrich F. S. Bachmair, mit dem sie abwechselnd in Pasing, Dresden und München lebte. Sie starb 1929 an den Folgen einer schweren Angina. Maria Luise Weissmann schrieb Lyrik, Prosa/Skizzen und Aufsätze.

Literatur - Deutsche Liebeslyrik
Zeno Biografie

Das Karussell

Sie standen stumm und lauschten dem Getön
Verstimmter Instrumente tief in Schlaf:
Die starren Tiere, bunt und wunderschön.
Da sie ein Kinderblick in Schmerz betraf,

Erwachten sie. Die Löwenmähne flog
Im Wind. So klang vom Elefantenzahn
Geläut der Schellen. Rüssel schnob. Es zog
In langem Zug die stolze Karawane

Dahin. Vor ihrem steilen Aufbruch lag
Ein Palmenwald, verstrickt in Abenteuer,
Aus Lichtraketen schoß der heiße Tag,
Kakteen brannten, purpurn, ungeheuer.
 
Maria Luise Weissmann

Paul Verlaine: Freundinnen
Per amica silentia

Den langen vorhang ganz aus weißer seide
Macht einer lampe bleiches nachtlicht fließen,
Opalne woge, die sich im ergießen
Dämmernd dem schatten mengt. Dass er umgleite

Schirmend dein bett, Adeline, hast beschworen
Du dieses vorhangs heimlichkeit. Vernommen
Hat er indes, von zärtlichkeit beklommen,
Zwei süße, wilde stimmen, die verloren

Tief ineinander sagten: "Lieben wir,
Lieben wir uns!" Claire, Adeline, ihr
Teuern geopferten, verzückt entrückte,

Liebt euch, o liebt! bis einst, am bittern end
Von diesen unheil-tagen, o geschmückte,
Ruhmreich die stigma-narbe an euch brennt.

Übertragung  : Maria Luise Weissmann

Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle