Donnerstag, 2. Dezember 2010

Gedichte und Dichter - Christian Morgenstern

Neuschnee Bild pixelio.de

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Neuschnee

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur -

Kindisch ist und köstlich solch Beginnen,
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

Christian Morgenstern 


Christian Morgenstern
* 6. Mai 1871 in München;
† 31. März 1914 in Meran, Villa Helioburg, Untermais;
vollständiger name: Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern,
war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer.
Besondere Bekanntheit erreichte seine komische Lyrik, die jedoch nur einen Teil seines Werkes ausmacht.

Komische Lyrik hier ein Beispiel von Christian Morgenstern:


Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“,- sprach der gute Mann,
„des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt.
den Wenwolf,- damit hat's ein End'.“

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch 'Wer' gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind-
er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.
 



Christian Morgenstern im Sanatorium 1912
 
Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle