Mittwoch, 10. November 2010

Aloys Blumauer




Stammbuchblatt.

Aloys Blumauer,
gelegentlich Alois Blumauer oder Johannes Aloisius Blumauer,
* 21. oder 22. Dezember 1755 in Steyr,
† 16. März 1798 in Wien,
war ein österreichischer Schriftsteller,
seine Pseudonyme waren A. Auer und Aloys Obermayer.



An die Sonne

Frau Sonne, diesmal trifft sie's nicht,
Wenn sie von meinem Liede
Sich nichts als Schmeichelei verspricht;
Ich bin des Lobens müde.
Drum höre sie: Trotz ihrem Glanz
Und Strahlenrock und Sternenkranz,
Trotz ihrer gold'nen Scheitel,
Ist sie ein Weib - und eitel.

Bespiegelt und begäffelt sie
Sich nicht in jedem Teiche?
Begeht sie nicht, so spät als früh,
Die tollsten Weiberstreiche?
Ein wunderschöner Lebenslauf! -
Geschminkt steht sie des Morgens auf,
Geschminkt geht sie zu Bette,
Wie eine Erzkokette.

Sie prätendiert, die ganze Welt
Soll sich in sie vergaffen;
Sobald ihr's aufzustehn gefällt,
Da soll kein Tier mehr schlafen:
Der Hahn muss auf zum Morgengruß,
Sogar die Sonnenblume muss
Den Seladon ihr spielen
Und stets nach ihr nur schielen.

Sie glaubt, die Vögel übeten
Für sie nur ihre Kehlen,
Und schämt sich nicht, uns Schlafenden
Die Frühmusik zu stehlen:
Und können abends die nicht mehr,
So müssen Frösch' und Grillen her,
Und ihr ein Tutti singen,
Um sie in Schlaf zu bringen.

Auch ist sie gar zu sehr erpicht,
Mit ihrem Reiz zu prahlen,
Stets soll er uns ins Angesicht
Ganz ohne Schleier strahlen;
Schlei'rt ihn ein Sommerwölkchen ein,
So blitzt und donnert sie darein
Bei hellen Tränengüssen,
Bis sie den Schlei'r zerrissen.

Da schwimmt nun ihre Majestät
In einem Meer von Glanze,
Und wo sie nur vorübergeht,
Da huldigt Strauch und Pflanze.
Die armen Blümchen dauern mich,
Sie bücken bis zur Erde sich;
Keins darf das Köpfchen heben,
Bis sie sich weg begeben.

Doch, dass sie niemand drum besieht,
Wie ihr die Runzeln lassen,
So pflastert sie sich täglich mit
Demanten und Topassen:
Das treibt sie bis zum Augenweh;
Doch pflegte sie im Negligé
Nur einmal auszugehen,
Wir würden Wunder sehen.

Mit schönen Mädchen treibt sie gar
Ein jämmerlich Spektakel:
Nimmt sie nur eins von weitem wahr,
Husch schüttelt sie die Fackel
Und brennt die feinste Lilienhaut
So kohlpechschwarz, dass einem graut,
Und könnte sie, ich glaube,
Sie brennte sie zu Staube.

Doch wissen ihr auch ritterlich
Die Schönen Trotz zu bieten,
Und kämpfen gegen ihren Stich
Mit Fächer, Schirm und Hüten:
D'rum hat Madam wohl hundertmal
Gewünscht: Ha! dass die Dirnen all'
Von Schmalz und Butter wären,
Wie wollt' ich sie zerstören!

Zwar, dass sie gern sich trägt zur Schau,
Ließ sich noch übersehen;
Doch ihre Neugier, gnäd'ge Frau,
Ist gar nicht auszustehen.
Denn, weil sie große Augen hat,
So, meint sie, dürf' in Feld und Stadt
Nichts unbegafft geschehen,
Sie müsse alles sehen.

Da guckt, wenn man im Bett noch liegt,
Sie durch die Fensterscheiben,
Kein Mädchen will, so angeblickt,
Dann mehr im Bette bleiben:
Das tut sie bloß aus Eifersucht:
In Grotten und in Lauben sucht
Sie sich hineinzustehlen,
Die Liebenden zu quälen.

Ey pfui, Madam, so kurios
Ist wohl kein Weib auf Erden.
So muss denn alles, klein und groß,
Von ihr beglasaugt werden?
Was hilft's? verkröche man sich auch
Selbst in der Mutter Erde Bauch,
Sie ist im Stand der Alten
Den Bauch entzwei zu spalten.

Sie selbst gibt doch den Frauen kein
Gar sonderlich Exempel.
Wo sie ist, trollt Herr Mondenschein
Sich flugs hinaus zum Tempel.
Man weiß ja wohl Frau Überall,
Warum sie diesen zum Gemahl
Vor allen auserlesen -
Weil er stockblind gewesen.

Kein so verbuhltes Weib gibt's nicht
Im Himmel und auf Erden;
Bekäm' Herr Mond sein Augenlicht,
Er müsste rasend werden.
Bis mit den Sternen sie nicht satt
Gebuhlt und liebgeäugelt hat,
Eh pflegt sie ihren Grauen
Nicht einmal anzuschauen.

Sie kann, so oft es ihr gefällt,
Ein Schnippchen ihm versetzen,
Drum trägt er auch vor aller Welt
Zwei Hörner zum Entsetzen;
Und will der Hahnrei seinem Weib
Zuweilen näher auf den Leib,
So kriegt er finst're Blicke
Und muss beschämt zurücke.

Sie lässt sich zwar die Königin
Des Sternenhimmels schelten;
Allein den königlichen Sinn
Muss man genug entgelten:
Sie sengt und brennt ja mörderlich,
Und weiß dabei - recht königlich, -
Für ihre Hand voll Weizen
Des Pflügers Haut zu beizen.

Gibt sie die eine Hand uns voll,
So nimmt sie mit der andern:
Sie geht ja um mit Kraut und Kohl
Als wie mit Salamandern:
Mit echter Königspolitik
Versenget sie oft Stück für Stück,
Die Felder und die Saaten,
Lässt Trauben nur geraten.

Ey, für ein königliches Haupt
Heißt das sich sehr vergessen,
Wenn man von Untertanen glaubt,
Sie könnten Kohlen fressen.
Nicht wahr, Frau Klug, ihr fiel nicht ein,
Dass man beim allerbesten Wein
Und einer leeren Tenne
Fein hübsch verhungern könne.

Man nennt mit Recht sie das Modell
Von königlichen Geistern,
Die mit dem ersten Blicke schnell
Ein ganzes Weltall meistern:
Denn auch Madam mit ihrem Licht
Sieht alles - nur sich selber nicht,
Und wird an sich die Flecken
Wohl nimmermehr entdecken.

Ich aber bin nicht undankbar,
Dass ich von ihr gebeichtet,
Was lang mir auf dem Herzen war,
Indes sie mir geleuchtet;
Denn, um für ihren Sonnenschein
Ihr gar nicht obligiert zu sein,
Schrieb ich an dem Gedichte
Nur nachts - beim Kerzenlichte.

Aloys Blumauer


Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle