Sonntag, 17. Oktober 2010

Emanuel Geibel

Morgenwanderung

Wer recht in Freuden wandern will,
der geh´ der Sonn´ entgegen!
Da ist der Wald so kirchenstill,
kein Lüftchen mag sich regen.
Noch sind nicht die Lerchen wach,
nur im hohen Gras der Bach
singt leise den Morgensegen.

Die ganze Welt ist wie ein Buch,
darin uns aufgeschrieben
in bunten Zeilen manch ein Spruch,
wie Gott uns treugeblieben.
Wald und Blumen nah und fern
und der helle Morgenstern
sind Zeugen von seinem Lieben.

Da zieht die Andacht wie ein Hauch
durch alle Sinnen leise,
da pocht ans Herz die Liebe auch
in ihrer stillen Weise;
pocht und pocht bis sich´s  ergießt
und die Lippe überfließt
von lautem, jubelndem Preise.

Und plötzlich laßt die Nachtigall
im Busch ihr Lied erklingen,
in Berg und Tal erwacht der Schall
und will sich aufwärts schwingen;
und der Morgenröte Schein
stimmt in lichter Glut mit ein:
Laßt uns dem Herrn lobsingen.

Emanuel Geibel 
1815-1884

 Franz Emanuel August Geibel
* 17. Oktober 1815 in Lübeck;
† 6. April 1884 in Lübeck, war ein deutscher Lyriker.

Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle