Donnerstag, 1. Juli 2010

Juli

Juli

Gesenkten Hauptes in den Wiesenbeeten
Als ahne sie der Sense Todeshieb
Steht silberweiß die Blume der Propheten –
Wahrsagerin, sag' an, hat sie mich lieb?
Und du sagst: Ja! Du lügst, ich will's beweisen:
O schäme dich! so jung, so zart, so licht
Geschaffen, um den Sommertag zu preisen
Und lügen! Denn – sie liebt mich nicht!

Sie liebt mich nicht, denn sprich, Prophetenblume,
Gibt's irgend eine Liebe ohne Schmerz,
Und in der Leidenschaften Heiligthume
Gibt's Raum für den gedankenlosen Scherz?
Sie hat ob meiner Thränen mich gescholten!
Wenn sie mich liebte und die Poesie,
Vielleicht hätt' sie die Thränen mir vergolten,
Doch mich gescholten hätt' sie nie.

Auch du bist traurig: wenn die Sterne wandeln,
Soll man dich weinen sehen, bleiches Bild!
Sprich, würdest du mich auch so hart behandeln,
Wenn ich zu dir mich legte in's Gefild?
Wahrsagerin, gib Antwort auf die Frage,
Gib Antwort, aber diesmal lüge nicht –
Was liegt daran, wenn ich das Glas zerschlage,
Das doch in ihrer Hand zerbricht?

Herrmann von Gilm zu Rosenegg

Hermann von Gilm zu Rosenegg
* 1. November 1812  in Innsbruck,
† 31. Mai 1864  in Linz,
war ein österreichischer Jurist und Dichter.

Mo sonniges Grüssle vom Sonnenblümle