Donnerstag, 4. März 2010

Die Wolken


Die Wolken

Eine Wolke hoch am Himmel,
Schwebend überm Dach des Schlosses,
Sah des Helden Jammerstand.
Aber still! Erst muß ich sagen,
Was mir gegen Morgen, schwätzend,
Jüngst ein leichter Traum verkündet
Von der Wolken Art und Ursprung.

Wolken sind nicht taube Dünste;
Nicht aus dem gemeinen Wasser
Lockt der Glutenblick der Sonne
Diese launenhaften Rätsel.

Wolken sind der Seufzer Kinder!
Aus den Seufzern, die den Menschen
Abpreßt unsres Lebens Kargheit,
Ballt sich der Luftfahrerinnen
Wunderlicher Zauberchor.

Aus der Kindlein kleinem Ach
Um versagtes buntes Spielwerk,
Werden die gereihten Schäfchen,
Perlenrund und perlenblank,
Weiße Flöckchen, die verschwinden,
Wie sie kamen, lockerzart.

Aus dem Seufzer der Kokette
Um der Liebestauber Flucht,
Aus der Eiteln siechem Stöhnen
Um geschwundne Gnad' und Gunst,
Spinnen sich die langen Streifen,
Die ihr alle oft am Himmel
Stehen saht so fahl und töricht,
Daß sie euch zu sagen schienen:

Selber wissen wir nicht recht,
Was wir wollen und bedeuten.
Wenn zerfleischte Unschuld seufzt
Aus der Brust, bedrückt von Unbill,
Aus den Lippen, deren Rot
Welk gemacht des Frevels Pesthauch,
Steigen auf die grimmigschwarzen
Wolken, blitz- und donnerdrohend,
Die, den Schoß entladend, zorn'ge
Feuerungeheu'r gebären,
Und dem Schelm im goldnen Saal
Pred'gen Millionen Teufel,
Einen Gott dem Frommen pred'gen.

Nun kommt ihr daran, ihr dicken
Durchgesognen Jammerschläuche!
Graue Tonnen, wasserschwere,
Die, ein unermüdlich Regnen,
Unsern Tag zum Tropfenbade
Schaffen, unsre Welt zur Pfütze.
Euch erzeugten Seufzer, öde,
Über unsre Alltagspein,
über Not mit dummer Klugheit
Und mit sittlichen Gemütern.

Aber weg von solchem Elend
Zu den guten, schönen Wolken,
Zu den Fürstinnen der Luft!
Blank mit Silberstreifen säumt sie
Ein der Mond, die Sonne stickt sie
Reich mit purpurroten Rosen,
Und der Himmel hält mit ihnen
Tiefes, heimliches Gespräch.
Aus den holdesten und liebsten
Seufzern woben sich die schönen,
Aus den Seufzern keuscher Mädchen,
Wenn sie schreckt des Bades Spiegel
Mit den eignen süßen Reizen;
Aus den Seufzern hoher Frauen,
Stürzt ein heil'ger Kampf ins Blut
Reine jugendblühnde Helden;
Aus den Seufzern edler Dichter
Über Leiden, die so lieblich,
Daß sie selbst dem treusten Freund,
Ihrem Lied, sie nicht vertraun.
Dichterseufzer, Mädchenseufzer,
Hoher Frauen heil'ge Seufzer
Schaffen jene prachtgeschmückten
Königinnen, hoch im Äther.

Solche gute schöne Wolke,
Silberblühnd im reinen Mondlicht,
Sah die Not des Helden, hörte
Seines großen Herzens Klage.
Und sie sprach zu sich: «Hier gilt es
Nicht verweilen! Zu der Fee
Eil' ich, seines Lebens Schützrin,
Künd' ihr an des Helden Jammer.
Wind, mein schnelles Roß, wo bist du?»
Kam herangeschnoben, pustend,
Wind, der Hengst von feur'ger Rasse.
Damenhaft schwang sich die Herrin
Auf des Gaules breiten Rücken.
Auf, davon, durch alle Himmel
Jagte sie mit ihrem Rosse;
Also, weit nach Osten, pfeilschnell
Ritt die silberblühnde Wolke.

Carl Leberecht Immermann, 1796-1840