Montag, 16. März 2009

Was ich gerade lese..

Zuerst ein Interview das Thomas Röbke mit Ingrid Noll geführt hat:

In Ihrem neuen Roman "Kuckuckskind" wird niemand ermordet. Das ist ungewöhnlich für einen Krimi...
Er ist nicht als Krimi deklariert, wie auch meine anderen Bücher nicht.
Er ist wirklich keiner; es gibt zwar Tote, Turbulenzen und Katastrophen. Aber es wird ein Vater gesucht, kein Mörder.

Man hat Sie aber als Krimiautorin abgespeichert. Ist das denn falsch?
Ich bin in dieser Schublade drin, da-gegen habe ich auch nichts.
Aber klassische Krimis habe ich nie geschrieben.
Meist ist kein Kommissar dabei, und man kennt in der Regel den Täter.

Bei Ihnen morden Frauen aller Altersklassen. Was unterscheidet junge und alte Kriminelle?

Alte können nicht so schnell rennen,dafür haben sie mehr Lebenserfahrung.
Junge und alte Menschen unterscheiden sich so wie alle Menschen: durch Charakter und Temperament. Es gibt junge Leute, die sind langweilig und lahm, es gibt alte Menschen, die sind interessant und spritzig. Ich schreibe immer über eine andere Altersgruppe, ich finde jede gleichermaßen interessant.
Es kommt auf die Persönlichkeit an und nicht auf die Jahre.

Eine Ihrer Figuren bedauert, dass sie seit Jahren keiner mehr anschaut. Ist es so schlimm mit dem Älterwerden?

Das ist doch ganz normal, dass eine junge Frau mehr Blicke auf sich zieht als eine alte.
Wenn ich im Zug sitze, könnte ich überall zuhören und jeden belauschen.
Ich habe eine Tarnkappe auf. man bemerkt mich nicht.

Wie praktisch! Da können Sie ja jeder-zeit Feldforschung betreiben?

Ich reise durchaus bewusst und sauge auf wie ein Schwamm.
Aber ich denke nicht, das passt in den nächsten Roman rein.
Manches vergesse ich auch wieder, aber die wichtigen Dinge behalt man und kann sie gelegentlich einbauen.

Ihre Großmutter und Mutter sind beide über 100 geworden. Ein beruhigendes Gefühl oder eher ein beängstigendes?

Ich komme eigentlich mehr nach meinem Vater, und der ist früh gestorben.
Meine Mutter war bis 102 sehr fit.
Das änderte sich erst, als sie sich bei der Gartenarbeit ein Bein brach.
Danach wurde sie nie mehr richtig gehfähig, die letzte Zeit war sie aufs Bett angewiesen.
Das ist natürlich nicht sehr erfreulich.
Das hätte ich ihr nicht gewünscht.
Aber sie hat nicht weiter geklagt und hatte trotzdem noch kleine Freuden.
Wenn Urenkel kamen und auf ihrem Bett herumkrabbelten, hat sie gestrahlt.

Wären Sie gerne noch einmal Ende 30?

Ich mag solche Überlegungen nicht.
Erstens geht es nicht, zweitens ist es gelaufen. Ich mag es nicht, wenn die
Leute jammern: Hätte ich damals doch dies oder das gemacht!
Ich kann mich höchstens fragen: Was will ich für den Rest meines Lebens besser
machen?

Wenn man erst mit über 5O Schriftstellerin wird, hat man da den jüngeren Kollegen etwas voraus?

Natürlich: Lebenserfahrung, Men-schenkenntnis.
Dafür sind die viel-leicht nicht so schnell erschöpft,
haben mehr Reserven, denen machen lange Reisen nichts aus.

Ärgern Sie sich, dass Sie nicht schon früher etwas veröffentlicht haben?

Ich hatte vorher wirklich viel um die Ohren. Die Mitarbeit in der Praxis meines Mannes, die große Familie, Garten und Haus. Ich hatte kein eige-nes Zimmer.
Zum Schreiben braucht man aber Ruhe und Zeit für sich. Unsere Kinder haben Musik gemacht, das Haus zitterte und bebte oft.

Sie haben schon als Kind viel Schiller, Heine, Dostojewski gelesen...

In China habe ich viel zu früh Bücher gelesen, die
ich überhaupt nicht verstand, weil ich nicht genug
Kinderbücher hatte. Aber das ist nicht schlimm, die Sprache war schön, und
ich hatte daran meine Freude.

Warum brauchen Menschen Bücher?

Ob sie das gebundene Buch in der heutigen Form unbedingt brauchen, weiß ich nicht. Sie brauchen Geschichten. Lange bevor es Bücher gab, saßen sie zusammen und haben sich etwas erzählt. Dann kam das Buch, das wird es auch noch eine ganze Weile geben; vielleicht in einer anderen Form, ich denke da an elektronische Bücher. Wenn man die Schrift vergrößern kann, ist das doch von Vorteil für Ältere.

Und warum brauchen Menschen Krimis?

Man hat sich immer gerne etwas Gru-seliges erzählt. Das fängt ja schon
mit Kain und Abel an, das war der erste Krimi. Die Bibel, die Mythen und Mär-chen sind voll mit Mord und Tot-schlag. Diese Lust-Angst als Ventil ist eines der ältesten Bedürfnisse.

Apropos Spannung: Ende September werden Sie 50 Jahre verheiratet sein -was ist das Geheimnis Ihrer Ehe?
Glück gehört dazu, viele Kompro-misse. Und dass wir viel Platz ha-ben, seit die Kinder aus dem Haus sind. Ich habe mein Zimmer, mein Mann hat seins, wir finden uns im-mer wieder zusammen, aber wir ha-ben auch Ausweichmöglichkeiten. Dieses ständige Zusammenglucken, gerade wenn man Rentner ist, kann sonst natürlich ätzend werden.

Hat Ihr später Ruhm Ihre Ehe verändert?

Mit diesem Erfolg war nicht zu rechnen. Natürlich hatten wir uns den
"Ruhestand" anders vorgestellt. Mein Mann zuckt schon ein bisschen zu
sammen, wenn er mit "Herr Noll"angesprochen wird - das ist mein Mädchenname. Aber es hat auch Vorteile, manchmal nehme ich ihn mit. wenn ich in einer interessanten Stadt zu einer Lesung eingeladen bin,und wir hängen noch ein paar Tage dran.

Thomas Röbke
Das Buch gibt es auch als Hörbuch!

Zu Ingrid Noll - einer meiner Lielingsautoren: Ingrid Noll
wurde 1935 als Tochter eines deut-schen Arztes in Schanghai geboren.
1949 zog die Familie nach Deutschland zurück.
Studium der Germanistik und Kunstgeschichte.
1959 Heirat. Zwei Söhne, eine Tochter.
Karriere: Im Alter von 55 Jahren veröffentlichte Noll ihren ersten Roman:
"Der Hahn ist tot".
Ingrid Noll ist die Auflagenstärkste Krimiautorin deutscher Sprache.
Privat: Ingrid Noll wohnt mit ihrem Mann in Weinheim bei Heidelberg.

Und was ich gerade lese? ein Buch von Ingrid Noll:
Röslein rot.