Mittwoch, 25. März 2009

Frühlingsreise

Adolf von Menzel - Reisepläne

Frühlingsreise

Nie vergißt der Frühling wiederzukommen,
Wenn Störche ziehn, wenn Schwalben auf der Wiese sind,
Kaum ist dem Winter die Herrschaft genommen,
So erwacht und lächelt das goldne Kind.

Dann sucht er sein Spielzeug wieder zusammen,
Das der alte Winter verlegt und verstört,
Er putzt den Wald mit grünen Flammen,
Der Nachtigall er die Lieder lehrt.

Er rührt den Obstbaum mit röthlicher Hand,
Er klettert hinauf die Aprikosenwand,
Wie Schnee die Blüthe noch vor dem Blatt ausdringt,
Er schüttelt froh das Köpfchen, daß ihm die Arbeit gelingt.

Dann geht er, und schläft im waldigen Grund,
Und haucht den Athem aus, den süßen,
Um seinen zarten rothen Mund
Im Grase Viol' und Erdbeer sprießen:
Wie röthlich und bläulich lacht
Das Thal, wann er erwacht!

In den verschloßnen Garten
Steigt er über's Gitter in Eil,
Mag auf den Schlüssel nicht warten,
Ihm ist keine Wand zu steil.

Er räumt den Schnee aus dem Wege,
Er schneidet das Buxbaum-Gehege,
Und feiert auch am Abend nicht,
Er schaufelt und arbeitet im Mondenlicht.

Dann ruft er: wo säumen die Spielkameraden,
Daß sie so lange in der Erde bleiben?
Ich habe sie alle eingeladen,
Mit ihnen die fröhliche Zeit zu vertreiben.

Die Lilie kommt und reicht die weißen Finger,
Die Tulpe steht mit dickem Kopfputz da,
Die Rose tritt bescheiden nah,
Aurikelchen und alle Blumen, vornehm und geringer.

Der bunte Teppich ist nun gestickt,
Die Liebe tritt aus Jasminlauben hervor.
Da danken die Menschen, da jauchzet der Vögel ganzes Chor,
Denn alle fühlen sich beglückt.

Dann küßt der Frühling die zarten Blumenwangen,
Und scheidet und sagt: ich muß nun gehn.
Da sterben sie alle an süßem Verlangen,
Daß sie mit welken Häuptern stehn.

Der Frühling spricht: vollendet ist mein Thun,
Ich habe schon die Schwalben herbestellt,
Sie tragen mich in eine andre Welt,
Ich will in Indiens duftenden Gefilden ruhn.

Ich bin zu klein, das Obst zu pflücken,
Den Stock der schweren Traube zu entkleiden,
Mit der Sense das goldene Korn zu schneiden,
Dazu will ich den Herbst euch schicken.

Ich liebe das Spielen, bin nur ein Kind,
Und nicht zur ernsten Arbeit gesinnt;
Doch wenn ihr des Winters überdrüßig seid,
Dann komm ich zurück zu eurer Freud',
Die Blumen, die Vögel nehm ich mit mir,
Wenn ihr erndtet und keltert, was sollen sie hier?
Ade! ade! ist die Liebe nur da,
So bleibt euch der Frühling ewiglich nah!

Ludwig Tieck