Donnerstag, 15. Januar 2009

Franz Grillparzer

Franz Grillparzer
(Aquarell von Moritz Michael Daffinger, 1827)
Franz Grillparzer
* 15. Januar 1791 in Wien
† 21. Januar 1872 in Wien,
war ein österreichischer Schriftsteller,
der vor allem als Dramatiker hervorgetreten ist. ('Der arme Spielmann')

Der Halbmond glänzet am Himmel
von Franz Grillparzer


Der Halbmond glänzet am Himmel,
und es ist neblicht und kalt.
Gegrüßet sei du, Halber, dort oben,
wie du, bin ich einer, der halb.

Halb gut, halb übel geboren,
und dürftig in beider Gestalt,
mein Gutes ohne Würde,
das Böse ohne Gewalt.

Halb schmeckt ich die Freuden des Lebens,
nichts ganz als meine Reu;
die ersten Bissen genossen,
schien alles mir einerlei.

Halb gab ich mich hin den Musen,
und sie erhörte mich halb;
hart auf der Hälfte des Lebens,
entfloh'n sie und ließen mich alt.

Und also sitz ich verdrossen,
doch läßt die Zersplitterung nach;
die leere Hälfte der Seele
verdrängt die noch volle gemach.

Franz Grillparzer,
Lithographie von Joseph Kriehuber 1841

1807 nahm Grillparzer, Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts,
in Wien das Studium der Rechte auf.
Nach dem Studienabschluß 1811 war er zunächst Privatlehrer, dann Beamter.
Nach einer (unbesoldeten) Konzipistenstelle in der Hofbibliothek
wurde er 1813 bei der Hofkammer als Konzeptspraktikant angestellt,
1821 ins Finanzministerium versetzt.
1832 wurde er Direktor des Hofkammerarchivs und bekleidete diese Stelle,
bis er 1856 in den Ruhestand trat.

Franz Grillparzer
Wenn der Vogel singen will


Wenn der Vogel singen will,
Sucht er einen Ast,
Nur die Lerche trägt beim Sang
Eigne, leichte Last.

Doch der Fink, die Nachtigall,
Selbst der muntre Spatz
Wählen, eh' die Kehle tönt,
Für den Fuß den Platz.

Gebt mir, wo ich stehen soll,
Weist mir das Gebiet,
Und ich will euch wohl erfreun
Noch mit manchem Lied.

Denn in Deutschland weht der Sturm -
Sturm, man weiß, ist Wind - ,
Wähnen, wenn der Ast sie schnellt,
Daß sie flügge sind.

Und hier Landes dunkelt's tief,
Nacht wie Pech und Harz,
In den Zweigen nächst dem Stamm
Nisten Dohlen schwarz.

Kauz und Eule dämisch dumm
Schaun zum Astloch raus,
Nur der Starmatz schwatzt vom Platz,
Kanzelt für das Haus.

Tiefer unten aber steigt's
Auf vom Boden dumpf,
Und die Frösche quaken laut
Aus verjährtem Sumpf.

Und so schweb ich ew'gen Flugs
zwischen Erd' und Luft,
Und kein Platz dem müden Fuß,
Als dereinst die Gruft.